Autor*innen stellen ihre Werke vor

Der Tod kommt in der Morgenstunde- von Günter Liebergesell

 

Günter Liebergesell

Jahrgang 1956

Von Beruf Krankenpfleger nun Rentner, schreibt seit 15 Jahren Bücher über Geschichte, Reiseberichte, Kinderbücher

E-Mail: g.liebergesell@eb.de

Günter Liebergesell

 

Mörderisches Buffet

Eichsfeld Krimi-Anthologie

Mittelalterkrimi

 „Der Tod kommt in der Morgenstunde“

Am Sonntag Cantate, dem 4. Mai im Jahr des Herrn 1466, zog der neu ernannte Viztum des Erzbischofs von Mainz für das Eichsfeld, Ernst von Bärenstein, mit seinem Gefolge auf den Rusteberg. Er hatte sich in Heiligenstadt huldigen lassen, und der Adel musste ihm den Treueeid leisten.

Die Sonne brannte an diesem Tag wie im Hochsommer, und die Luft zitterte durch die Hitze wie die Menschen durch die Kälte, die der neue Viztum ausstrahlte.

Alle waren erschienen, um vor dem Vertreter des Erzbischofs auf die Knie zu fallen: die von Hagen, von Wintzingerode, von Berlepsch, von Westernhagen, von Bischhausen, von Schwebda, von Wildungen, von Bodungen, von Bültzingslöwen. Nur einer hatte den Weg nach Heiligenstadt nicht gefunden: der angesehenste und umstrittenste Ritter des Eichsfelds, Hermann von Hanstein.

Nun kann man nicht behaupten, dass er nichts mit dem neuen Viztum zu tun haben wollte. Oh nein, er war nur ein Mensch, der nach seinen eigenen Regeln lebte und das oft zum Verdruss für seine große Familie und die Ritterschaft im Eichsfeld. Er war ein gestandener Mann von gut fünfzig Jahren, hatte eine von Sonne und Wind gegerbte Haut, leicht lockiges Haar, und seine kräftige Gestalt vermittelte den Eindruck großer körperlicher Gewandtheit.

Hermann von Hanstein war der Herr auf Burg Hanstein und lebte dort mit den vielen Mitgliedern der einzelnen Familienzweige mehr schlecht als recht hinter dicken Sandsteinmauern.

Die Burg Hanstein war eine Ganerbenburg, und alle Mitglieder der Familie waren verpflichtet, sich die Burg zu teilen. Sie wohnten zwar in eigenen Häusern rund um den Burghof, doch die Enge, Streitigkeiten und Missgunst machten das Leben auf der Burg von Zeit zu Zeit zur Hölle.

Hermann versuchte diesem Dasein so oft wie möglich zu entfliehen. Er Ritt durch das Land, nahm von den Reichen, besonders von denen, die er nicht mochte – davon gab es einige – und verteilte das Erbeutete an die Armen seiner Dörfer, die ihn dafür verehrten.

Nach dem Tod des Landgrafen Ludwig von Hessen, bei dem er nicht nur in Diensten stand, sondern mit dem er auch befreundet war, beendete er seinen höfischen Dienst und zog als Ritter ohne Lehnsherr durch das Land. Um dieses Leben führen zu können, war er auf die Tüchtigkeit seiner Bauern und die Einnahmen aus seinen Überfällen angewiesen. Diese Überfälle waren zwar nicht sehr ritterlich, aber so war er nun mal.

Und dieser Ritter wagte es, vor dem neuen Viztum nicht auf die Knie zu fallen.

Der Viztum oder Oberamtmann, wie ihn die Eichsfelder nannten, war der zweite Sohn des Grafen Johann von Bärenstein aus einem hochangesehenen Grafengeschlecht. Sein älterer Bruder Heinrich sollte als Erbe die Grafschaft nach dem Tod des Vaters regieren.

Für ihn, Ernst von Bärenstein, hatte der Vater eine geistliche Laufbahn vorgesehen. Den Posten als Viztum des Eichsfelds hatte er ihm erkauft und ihn mit weiteren Präbenden genügend versorgt.

In Erfurt studierte er Theologie und wurde zum Akoluthen und Subdiakon geweiht. Sein mächtiger Vater verhalf ihm zu vielen Posten wie Probst in St. Peter in Mainz, Kanoniker in Magdeburg und ebenso im Hohen Stift in Mainz. Er hatte die besten Aussichten und zudem das Geld des Vaters, um nach dem Tod des Erzbischofs diesem auf den Mainzer Stuhl zu folgen und neben dieser Funktion als Erzbischof auch Reichskanzler des Heiligen Römischen Reiches zu werden – der zweitmächtigste Mann im Reich. Nur eines hatte der Vater übersehen: Ernst von Bärenstein war nicht für den geistlichen Stand geboren. Er liebte alles, was Röcke trug, und schlug sich lieber mit Schwert und Harnisch auf dem Feld, als dass er im Chorrock in der Kirche zu sehen gewesen wäre.

„Was ist das für ein Kerl, dieser Hermann von Hanstein, der so dreist ist, nicht vor mir zu erscheinen?“, fragte er seinen Amtmann wütend, als er die Vorburg auf dem Rusteberg, seinen Amtssitz, betreten hatte.

Lippold von Eichendorf antwortete mit fester Stimme:

„Ihr müsst euch keine Gedanken machen, Herr, Hermann ist ein Eigenbrötler, den man zu nichts zwingen kann.“

„Oh doch, das werde ich euch beweisen! Ich lasse mir doch nicht von so einem heruntergekommenen Ritter auf der Nase herumtanzen.“

„Heruntergekommen würde ich ihn nicht nennen, Herr.“

„Und wieso nicht?“, rief der immer zorniger werdende Bärensteiner.

„Er zählt zwar schon an die fünfzig Lenze, kann aber immer noch sein Schwert führen wie ein Jüngling.“

Mit hochrotem Kopf entgegnete der Oberamtmann: „Ich bin jung und schlitze ihm sein Ränzlein auf, wenn er mich nur schief anschaut.“

„Da wäre ich vorsichtig, Herr.“

„Wollt Ihr mich foppen, Amtmann?“ brüllte der Viztum.

„Nicht foppen, nur beraten.“

„Darauf kann ich gern verzichten. Morgen nach Sonnenaufgang

stellt Ihr einen kleinen Trupp zusammen, und dann reiten wir zum Hanstein. Mal sehen, was dieser Herr Ritter dann sagt.“

„Wie Ihr es wünscht, Herr.“ Lippold verneigte sich vor dem Viztum und ging in das Zeughaus der Burg, das in der Vorburg lag.

Der Viztum, immer noch erzürnt, rief einer Magd zu, die gerade über den Burghof ging: „Bring mir einen Krug Wein in mein Haus, mir klebt die Zunge am Gaumen.“

Die Magd beeilte sich, denn sie wollte beim neuen Herrn nicht schon am ersten Tag in Ungnade fallen. Als sie das Zimmer des Oberamtmannes betrat, stand dieser in der Mitte des Raumes, die Hände in die Seiten gestemmt.

„Stell den Wein auf den Tisch!“

Sie gehorchte und knickste artig.

„In was für eine Situation bringst du mich, du Ungeschickte?“, fuhr er sie an.

Die Magd schüttelte erschrocken den Kopf.

„Ich gebe dir Arbeit, und du dankst es mir, indem du mich mit Wein beschmutzt?“

„Aber, das habe ich doch gar nicht …“

„Sei still!“ Er ging auf sie zu, umfasste ihren Leib und schlang den anderen Arm um ihren Hals. Er spürte ihre Angst und wurde gieriger. Grob zog er sie an sich heran und flüsterte: „Lenk mich ab, der Tag war öde!“ Wie ein Raubtier riss er ihr das Hemd über die Schultern, bis ihre Brüste entblößt waren.

Die Magd wehrte sich nicht. Vor Angst gelähmt, ließ sie seine Brutalität über sich ergehen. Er schien wie von Sinnen.

„Du kannst wohl nicht anders als die Männer verrückt zu machen“, zischte er.

Tränen rannen ihr die Wangen herunter. Sie wusste um ihre Ohnmacht. Niemand würde ihr helfen, so blieb nur, schweigend zu ertragen.

 

Hermann von Hanstein hatte gerade einen kräftigen Schluck Bier aus Einbeck genommen, dass er so schätzte, als eine seiner Wachen zu ihm an den Tisch trat und sprach: „Der Bärensteiner mit seinem Gefolge ist auf dem Weg zur Burg, der Posten auf dem Turm hat sie in Bornhagen gesichtet.“

Hermann stellte den Krug ab und wischte sich gemächlich mit dem Ärmel über den Mund.

„Lass sie in die Burg einreiten! Aber nur den Viztum und den Amtmann lass zu mir vor! Die anderen behalte im Auge!“

Die Wache verließ das Zimmer. Schon nach wenigen Minuten hörte man das Klappern der Pferdehufe auf dem gepflasterten Burghof.

Eingewickelt in einer Decke, saß Hanstein vor dem Kamin, in dem ein munteres Feuer loderte. Neben ihm auf dem Tisch befanden sich der fast geleerte Bierkrug und eine Schale mit Äpfeln. Sein Schwert lehnte an der verputzten Wand, und über ihm flackerte eine Fackel, die dem kärglichen Raum nur ein fahles Licht spendete. Ihr gegenüber hing ein Teppich, den ein Vorfahre Hermanns aus dem Heiligen Land mitgebracht hatte – das einzige Zeichen von Wohnlichkeit.

Die dicke Eichentür öffnete sich, und Hermanns Knappe kündigte an: „Herr Hermann, der Vicedominus wünscht Euch zu sprechen.“

„Dann lass ihn doch eintreten“, entgegnete der Hansteiner gleichgültig.

Der Knappe trat zur Seite, und Ernst von Bärenstein, in seiner Funktion als Oberamtmann, ging mit festem Schritt auf den Burgherrn zu. In einem langen, mit Pelz besetzten Mantel, die Hände in die Seiten gestemmt, stand er da, als sei er seine Majestät der König. Lippold von Eichendorf folgte ihm und verneigte sich vor Hermann.

Hermann schaute den Viztum gelangweilt an. „Was habt Ihr auf dem Herzen, Junge?“

„Was ich auf dem Herzen habe? Mann, seid Ihr noch gescheit? Ich bin Euer Herr und Ihr …“

„Ihr seid nicht mein Herr“, entgegnete Hermann scharf. „Nach dem Tod meines letzten Herrn habe ich mir noch keinen neuen gesucht.“

Dem Bärensteiner stieg vor Wut das Blut in den Kopf und färbte seine Wangen wie reife Apfelbäckchen. „Ich bin der Vicedominus, und Ihr werdet mir jetzt den Treueeid schwören! Erhebt Euch!“

Die Stimme des Oberamtmanns drohte sich zu überschlagen, als er bemerkte, dass der Hansteiner nicht das geringste Anzeichen machte. Und er wiederholte brüllend: „Erhebt Euch, und fallt vor mir auf die Knie! Ich befehle es Euch!“

Hermann legte seine Decke zur Seite und stand ganz langsam auf, als schmerzten ihn alle Glieder. Er wirkte gebrochen wie ein alter trockener Baum, was der Oberamtmann mit Freude zur Kenntnis nahm.

„Kommt schon, ich will es hinter mich bringen, fallt auf die Knie, alter Mann!“

Diese Worte waren ein Fehler. Ein großer Fehler. Hermann von Hanstein ging bedächtig auf den Oberamtmann zu, begann zu stolpern und drohte zu stürzen. Lippold von Eichendorf wollte hinzueilen, um den Ritter zu halten. Doch dieser war nicht im Geringsten dabei zu fallen, wenn es auch so aussah. Er drehte sich wie eine Katze, um mit einem gezielten Tritt seinen Fuß mitten im Gemächt des Oberamtmanns zu versenken.

Dessen Gesichtsfarbe änderte sich schlagartig, wurde immer blasser, bis sie ein fahles Grau angenommen hatte.

Ein klägliches „Ohhhh“ kam über seine Lippen, dann fiel er auf die Knie. Selbst der Amtmann konnte ihn erst nach Minuten wieder auf die Beine stellen.

Hermann lehnte lässig am Türrahmen. „Ja, mein Junge, so ist das, wenn man alte Männer zu etwas zwingen will. Sie fallen dann ganz schnell aus der Rolle.“

Der Oberamtmann zog sein Schwert. „So kommt Ihr mir nicht davon, ich mach Euch den Garaus, Ihr …“

„Ihr seid Gast auf meiner Burg und droht mir? Das solltet Ihr nicht tun. Hier bin ich der Herr, und hier befehle ich. Packt Euch, und verschwindet von meiner Burg, und lasst Euch nicht noch einmal hier blicken!“, brüllte Hermann.

„Euch Eichendorf habt Dank, dass ich nicht gefallen bin.“

Lippold von Eichendorf verneigte sich und wandte sich zum Gehen.

„Eichendorf!“, schrie der Viztum. „Steht an meiner Seite! Der Kampf ist nicht vorüber.“

„Verzeiht, Herr, aber es gibt ein Gesetz, das besagt, dass auf der Burg Hanstein nicht getötet werden darf“, warf der Amtmann ein.

„So, ein Gesetz? Dann darf auch er mich nicht töten.“

Hermann konterte schnell, so schnell, wie ein Pfeil die Armbrust verlässt, wenn der Schütze ihn freigegeben hat.

„Ihr droht mir? Euch hänge ich an einem langen Baum über die Mauer, um dem Gesetz Genüge zu tun, bis Euer Hals so lang ist wie der einer Gans. Verschwindet! Raus hier! Oder ich rufe die Wachen.“

Rasch zog Lippold den Viztum an seinem Gewand aus dem Raum. Wie die Diebe flohen Bärenstein und sein Gefolge von der Burg. Hermann von Hanstein war sehr zufrieden mit sich und dem Ausgang dieses Treffens, obwohl er wusste, dass Ärger folgen würde. Aber Ärger konnte auch amüsante Abwechslung sein, wenn man ihn nur richtig anpackte.

 

Zurück auf dem Rusteberg, knöpfte sich Bärenstein seinen Amtmann von Eichendorf vor, von dem er sich verraten fühlte. „Du Nichtsnutz! Hättest du ihm nicht den Dolch in die Rippen stoßen können?“

„Es gibt Regeln und Gesetze, an die wir uns halten müssen.“

„Papperlapapp! Ich bin das Gesetz, und es wird gemacht, was ich sage.“

„Ich hab dem Erzbischof die Treue geschworen. Er ist auch Euer Herr, und an seine Gesetze haben wir uns beide zu halten.“

Der junge Viztum konnte nicht die geringste Furcht in Eichendorfs Augen erkennen. Ein Mann mit Prinzipien, dachte er, es war besser, ihm nicht weiter zu drohen.

Er wandte sich ab und machte sich Gedanken, wie dem Hansteiner beizukommen wäre. „Ein Baum wächst zum Licht, nicht zum Schatten. Nicht ein Hansteiner befiehlt einem Bärensteiner, sondern ein Bärensteiner gibt Befehl. So ist die Weltenordnung.“ Wieder versank der Viztum in Grübeleien, dann hob er plötzlich den Kopf und meinte: „Der Schaden muss groß sein, den wir ihm zufügen. Er wird winselnd angekrochen kommen, um Gnade flehen.

Und ich gewähre ihm die Gnade.“ Es zeigte sich ein böses Lächeln auf seinen dünnen Lippen. „Oder auch nicht.“

„Was habt Ihr vor, Herr?“, fragte Lippold.

„Seine Kornkammern sind zum Bersten voll. Da wird sich ein Feuerchen lachend seine Nahrung suchen. Und dann sehen wir weiter.“

„Und wenn er erfährt, dass das Feuer auf Euren Befehl hin gelegt wurde?“

„Er wird es nicht erfahren“, polterte Bärenstein, und seine Hand durchschnitt die Luft. „Und nun Schluss mit dem Gezeter!“

„Wie Ihr befehlt, Herr!“

„Und sorg dafür, dass es ein schönes Feuer wird.“ Der Viztum verschwand in das neue Wohnhaus auf der Burg und ließ den Amtmann auf dem Burghof zurück wie einen Tagelöhner.

So einem Herrn hatte Lippold noch nie gedient. Doch blieb ihm eine Wahl? Er musste den Befehl des Oberamtmanns ausführen und das rasch, sonst würde die Ungeduld des Herrn sich noch gegen ihn richten.

 

Zwei Tage später. Die Sonne versank gerade hinter der Burg Hanstein im Werratal und überließ dem Mond die Nacht, da stürzte ein Wachposten in heller Aufregung die Turmtreppe hinunter. Um sich zu vergewissern, dass seine Augen ihn nicht getäuscht hatten, hielt er kurz inne und starrte durch den Dreischneuß, eine Luke in der Mauer, doch sein Entsetzen hielt an. Nein, er hatte sich nicht geirrt.

„Es brennt!“, schrie er schließlich aus voller Kehle. „Es brennt in Oberstein!“

Alle Bewohner der Burg liefen aus ihren Häusern. Feuer war der schlimmste Feind, den sie kannten.

Als die Wache auf dem Burghof angekommen war, presste sie mit dem Rest an Luft, die ihr verblieben war, heraus: „Herr Hermann, es brennt. In Oberstein brennt es.“

Hermanns Blick wanderte über seine Leute. Er musste nichts sagen. Jeder wusste, dort standen die Scheunen mit den Vorräten. Sie mussten sich beeilen, um zu retten, was noch zu retten war. Auf sein Handzeichen hin stürzten die Gesündesten und Kräftigsten los, auch die Schwächeren versuchten zu helfen, nur die jungen Mütter blieben bei ihren Kindern. Mit allem, was sie finden konnten, mit Eimern und Wassersäcken, mit Hacken und Harken, machten sie sich eiligst auf den Weg nach Oberstein, um den Kampf gegen die Flammen aufzunehmen, bevor diese in ihrer Gier alles verzehren würden. Das Feuer war an mehreren Stellen ausgebrochen, und ein kräftiger Wind, der von Osten wehte, fachte die Flammen noch mehr an, sodass sie meterhoch aus dem Dach schlugen. Es gab nichts mehr zu retten. Der Feuerteufel fraß sich in Windeseile durch die drei Scheunen und hinterließ nur noch Trümmer und qualmende Asche.

Eine alte Frau lief auf Hermann zu und berichtete ihm, dass es Männer des Viztum und der Stadt Heiligenstadt waren, die das Feuer gelegt hatten.

Trotz des zu erwartenden Ärgers hatte der Hansteiner diesem

jungen Schnösel von Oberamtmann solche Mittel nicht zugetraut. Das fehlende Korn würde zu Hunger und Tod führen.

 

„Alle Mann zu mir!“, rief Hermann, und seinen Brüdern befahl er: „Wir teilen uns auf. Hans, du reitest nach Heiligenstadt und bringst mir ein paar von den fetten Bürgern, die auf der Seite dieses Mainzer Teufels stehen! Und du, Christian, kommst mit mir! Wir versuchen, den Amtmann des Viztums in unsere Gewalt zu bringen, und dann werden wir ja sehen, wer am längeren Hebel sitzt. Auf geht’s!“

 

Während sich die Hansteiner auf den Weg nach Oberstein machten, bezog der Viztum mit zwanzig Bewaffneten bei Rimbach Stellung und beobachtete die Burg. Wie ein Vorhang verdunkelten Wolken die Burg Hanstein, sehr zum Vorteil für den Oberamtmann. Unbemerkt schlichen er und seine Mannen bis an das schwere Tor heran und drangen in die Burg. Mit Gegenwehr war nicht zu rechnen, es war nur eine Handvoll älterer Knappen zum Schutze der jungen Frauen und Kinder zurückgeblieben.

Die Männer des Viztums durchsuchten die Burg und nahmen sich, was immer sie fanden. Die wenigen Zurückgebliebenen wurden auf den Burghof getrieben. Ungeduldig schritt der Oberamtmann an ihnen entlang und musterte sie.

„Wo ist die Herrin der Burg?“ fragte er.

Ein Knabe, kaum zehn Jahre, trat hervor und antwortete mit stolz erhobenem Kopf. „Meine Mutter ist tot.“

„Oh, dann bist du der Sohn dieses Bastards?“

„Ich bin Thilo von Hanstein, der Sohn Hermanns, des Herrn dieser Burg. Und wer seid Ihr, dass Ihr es wagt, mitten in der Nacht den Frieden dieser Mauern zu stören?“

Der Bärensteiner starrte den Knaben an, der in ein leinenes Gewand gekleidet war, das bis zur Erde reichte, und unter dem die nackten Füße hervorschauten. Sein Haupt war mit schwarzem, gekräuseltem Haar geschmückt, und aus seinem fein geschnittenen Gesicht funkelten zwei rehbraune Augen.

„Schau an, schau an! Er hat genau schon so ein großes Maul wie sein Vater. Dann wollen wir das mal stopfen.“ Er drehte sich zu den Soldaten und befahl: „Packt ihn! Er muss nach Waffen durchsucht werden, nicht dass er noch auf dumme Gedanken kommt, dieser kleine Heißsporn.“

Kaum hatten die Wachen den Jungen ergriffen, begann der Bärensteiner, an ihm herumzutasten, bis er schadenfroh ausrief: „Na, was haben wir denn da?“ Triumphierend tat er so, als ob er einen mit einem Rubin besetzten Ring unter dem Gewand des jungen Hansteiners hervorzog.

„Das ist nicht meiner“, rief Thilo entrüstet.

„Ich weiß, er gehört mir, und du hast ihn gestohlen.“

„Ihr seid ein erbärmlicher Lügner! Wie und wann soll ich es denn getan haben?“, begehrte Thilo auf.

„Das ist mir gleich, ich bin das Gesetz, und du hüte deine Zunge, sonst bist du sie schneller los, als dir lieb ist.“

Seinen Leuten befahl er, den Jungen mitzunehmen, und den Bewohnern teilte er mit, dass er den jungen Herrn gegen ein Lösegeld von zweihundert Goldgulden leben ließe.

Genau drei Tage würde der Viztum warten. „Dauert es länger, kann ich nicht für das Wohlbefinden seines Sohnes garantieren, dann werde ich ihn an einem langen Baum hängen, bis sein Hals so lang wie der einer Gans ist. Habt ihr das verstanden?“ Mit einem lauten Lachen bestieg der Viztum sein Pferd und gab ihm die Sporen. Zwei seiner Bewaffneten banden Thilo auf einen Gaul und folgten dem Viztum aus der Burg.

Vom Turm der Burg schaute ihnen ein alter Knappe nach, bis die dunkle Nacht sie völlig verschlungen hatte.

 

Kurz nach Mitternacht kehrte Hermann mit seinen Brüdern Hans und Christian auf die Burg zurück. Ihr Zug hatte sich gelohnt. Hermann hatte Lippold von Eichendorf in seinem Pferdestall ohne Gegenwehr gefangen genommen. Eichendorf war sich in Rechtfertigungen ergangen, dass er lediglich die Befehle seines Herrn ausgeführt habe.

Hans hatte durch eine List die Torwachen von Heiligenstadt getäuscht. Im Martinsstift nahmen sie den Probst, den Dechanten und den Scholasten gefangen, und in der Stadt holten sie zwei angesehene Bürger aus den Häusern und brachten sie gefesselt zur Burg.

Hermanns Blut begann zu kochen, als er erfuhr, dass sein Sohn entführt worden war. Er schwor bittere Rache.

Die Gefangenen wurden in das Gefängnis gesperrt, das sich im Treppenturm neben dem Palas im mittleren Stockwerk des Bergfrieds befand. Dieses Turmgefängnis hatte Mauern von zweieinhalb Metern Stärke und war mit einer mächtigen Eichentür, die mit einer Klappe versehen war, verschlossen. Ein Entfliehen war nicht möglich.

Am Morgen ließ Hermann den Amtmann zu sich bringen. Sein Blut hatte sich über Nacht beruhigt und floss wieder in steten Bahnen. Er fragte den jungen Mann, wer den teuflischen Plan ausgeheckt hatte und hörte das Gleiche, was er ihm schon zuvor über den Brand erklärt hatte.

Bestürzt fiel Lippold jedoch vor Hermann auf die Knie, als er von der Entführung erfuhr, und stammelte: „Verzeiht mir! Von diesem Plan hatte ich keine Kenntnis. So etwas darf man nicht tun. Erst recht nicht, wenn man der Stellvertreter des Erzbischofs ist. Sagt mir, wie kann ich Euch helfen?“

„Wollt Ihr die Seiten wechseln?“, fragte Hermann verblüfft. „Das ist schon längst geschehen.“ Lippold von Eichendorf hielt den Blick gesenkt.

„Steht auf, Eichendorf! Ihr seid den Prügeln entgangen. Wahrlich seid Ihr kein Ehrenmann, dass Ihr mein Korn habt brennen lassen, aber ich werde Gnade vor Recht ergehen lassen und Euren Hals schonen, wenn Ihr helft, meinen Sohn zu retten. Reitet zum Viztum und bietet ihm meine Gefangenen zum Tausch an. Der Probst sollte ihm doch etwas wert sein. Das wird er nicht ausschlagen können.“

„Ich werde es versuchen, doch habe ich wenig Hoffnung. Der Viztum ist ein harter Mann.“

„Wir werden sehen“, murmelte Hanstein und ließ ein frisches Pferd für seinen Gefangenen satteln.

Wenig später wurde Hanstein von seinen Brüdern bedrängt. „Der Oberamtmann wird keine Ruhe geben, bis er unsere Burg an sich gerissen hat. Er ist ein flagellum humanitate, eine Geißel der Menschheit.“

„Dann müssen wir die Menschheit von dieser Geißel befreien“, rief Hermann.

„Dann haben wir den Erzbischof im Nacken“, erwiderte Christian.

„Ich reite zur Kräuterbertha nach Rumerode. Sie weiß so manchen Rat. Das wird uns helfen, den Viztum vom Halse zu schaffen und damit auch den Erzbischof.“

„Tu das nicht, Hermann!“, rief Hans. „Sie ist eine Hexe. Du weißt, dass jeder, der sich mit einer Hexe zusammentut, des Teufels ist. Dann gibt es für dich und auch für uns keine Rettung mehr.“

„Ich habe keine Wahl.“

Die Brüder sahen sich an, sie kannten Hermann. Er war ein Mann mit einem eisernen Willen. Er würde nicht eher ruhen, bis er Rache geübt hatte.

„Dann Gott mit dir, Bruder!“, wünschten sie ihm und verneigten sich.

 

 

Lippold von Eichendorf jagte sein Pferd über Wald und Flur, kreuzte die Handelsstraße nach Göttingen und ritt den langen Weg zum Rusteberg hinauf. Hier wurde das Land steiler. Bei dem Nieselregen stieg ihm der Duft von frischem Gras und Erde in die Nase. Eine Eidechse huschte über den Weg in ihr felsiges Versteck. Ein Windhauch erfasste Lippolds Haar wie der Schwingenschlag eines mächtigen Adlers, der an ihm vorbeiflog.

Würde der Viztum ihm und Hansteins Sohn freies Geleit geben, oder lief er Gefahr, in eine Falle zu tappen? Wie sollte er sich verhalten? Noch wusste der Bärensteiner nichts von seinem Verrat, aber ein Blick, ein falsches Wort konnte den Tod bedeuten. Lippold war ratlos.

„Bring mich zum Oberamtmann! Beeil dich!“, befahl er der Wache, als er den Rusteberg endlich erreicht hatte.

Der Wachposten schaute Lippold von Eichendorf verwundert an. „Er ist in der Amtsstube. Geht nur!“

Lippold durchquerte die Vorburg, ging durch das innere Tor und gelangte in die Schreiberei, in der sich der Bärensteiner aufhielt.

„Ich habe Euch erwartet. Wo wart Ihr so lange?“, blaffte der Viztum gereizt.

„Der Hansteiner hat mich gefangen genommen.“

Der Oberamtmann sprang von seinem Stuhl auf. „Und wieso seid Ihr dann hier?“

„Ich soll mit Euch verhandeln.“

„Verhandeln? Es gibt nichts zu verhandeln! Entweder er zahlt, oder sein Sohn stirbt.“

„Er hat Gefangene auf der Burg“, entgegnete ihm der Amtmann und versuchte, seiner Stimme Festigkeit zu verleihen.

„Wen hat er denn?“

„Den Probst, den Dechanten und den Scholasten vom Martinsstift sowie zwei angesehene Bürger der Stadt.“

Plötzlich rot vor Zorn im Gesicht blaffte der Viztum: „Wann hat er sie gefangen genommen?“

„In der Nacht.“

„Waren die Stadttore nicht verschlossen?“, schnaubte der Oberamtmann.

Lippold überging die Frage. „Der Probst fleht Euch an, ihn so schnell wie möglich zu befreien.“

„Da kann er warten bis zum jüngsten Tag! Und den Bengel geb ich nicht frei, bevor ich nicht mein Geld habe“,

fuhr der Dienstherr grimmig auf.

„Wenn der Erzbischof davon erfährt, dann …“

„Dann was? Wollt Ihr mir drohen, Amtmann?“

„Nein, nur …“

„Wache! In den Kerker mit dem Verräter!“

„Ihr irrt Euch, Herr, das dürft Ihr nicht!“

„Fort mit ihm! Ich kann sein scheinheiliges Gesicht nicht länger ertragen.“

Hinter Lippold von Eichendorf schloss sich die schwere Kerkertür, im trüben Licht erkannte er Thilo.

Ohne sich um die Ratten zu kümmern, die durch das stinkende Stroh raschelten, ging er auf den Knaben zu und umfasste ihn. „Keine Angst, mein Junge. Dein Vater wird kommen und dich holen, vertraue mir!“

„Ich hab‘ keine Angst, denn ich weiß, er wird diesem Mainzer Büttel gewaltig in den Hintern treten.“

Lippold schmunzelte und hoffte, dass der junge Thilo Recht behalten würde.

Kurz vor Rumerode stieg Hermann vom Pferd. Er wollte vermeiden, dass ihn jemand beim Besuch bei seiner alten Amme Bertha beobachtete. Er führte seinen Rappen an umgestürzten Bäumen vorbei, die dem letzten Sturm nicht standgehalten hatten, band sein Pferd an und überstieg eine eingestürzte Mauer. Düster erschien ihm dieser Ort. Verstärkt wurde sein Eindruck noch durch Flechten und Moose, die die Bäume überwucherten und ihnen ein geisterhaftes Aussehen verliehen. Auf Schleichwegen fand er die halb verfallene Hütte. Mit kräftiger Faust hieb er ungeduldig gegen das verwitterte Holz der Tür.

„Bertha, öffne! Du musst mir helfen!“ Wieder schnellte die Faust vor, um auf sich aufmerksam zu machen.

„Schmeiß mir doch mein Haus nicht um!“, ertönte von innen eine weiche Stimme.

Langsam öffnete sich die Tür, das runde Gesicht einer alten Frau erschien. Silbernes Haar lugte unter ihrer angeschmutzten Haube hervor. „Hermann, was bist du so ungestüm? Soll ich dir mal wieder ein Frauenzimmer gefügig machen? Ich hab den passenden Trank für sie.“

„Nein, nicht so ein Gebräu. Ich brauche deinen Rat, um meinen Sohn zu retten.“

„Ist er leidend?“

„Der junge Herr ist ein Gefangener des Oberamtmanns auf dem Rusteberg. Er will ihn töten, wenn ich ihm nicht in zwei Tagen zweihundert Goldgulden bringe. Aber selbst wenn ich das täte, würde er keine Ruhe geben, bis er mich vernichtet sieht.“

„Was ist vorgefallen, mein Junge?“

„Ich habe ihm den Treueeid verweigert.“ Hermann schnaubte erheitert. „Und ich habe ihm gewaltig in die Eier getreten.“

„Oh. Warum musst du dich immer mit den Mächtigen anlegen?“

„Er ist ein Feind.“ Hermann beugte sich zu ihr herunter und umschmeichelte sie. „Bertha, meine liebe gute Amme, du kennst doch das Elixier, das einen Mann zum ewigen Schlaf verhilft. Du wirst es mir brauen, sonst habe ich diesen verschlagenen Kerl so lange am Hals, bis ihn endlich der Teufel geholt hat. Und das kann noch lange dauern.“

„Du weißt, welche Strafe auf die malefiziale Anwendung von Tränken steht, die Unfruchtbarkeit oder Tod herbeiführen? Hab aber keine Sorge! Lass mich überlegen!“

Berthas Hütte war voll von Tiegelchen und Fläschchen, von mit seltsamen Pulvern gefüllten Holzschälchen und Kräuterbündeln, die von der Decke hingen. Sie ging zum Wasserkessel über der Feuerstelle und begann, etwas Unverständliches zu murmeln. Sie zupfte Blüten und Blätter mal von diesem Zweig, mal von jenem und warf sie in den Topf. Dann nahm sie ein Holzschälchen und gab einen Löffel seines Inhaltes in den Sud, zerrieb in einem Mörser getrocknete Beeren und Pilze, gab auch diese dazu und rührte alles kräftig um. Zum Schluss zerkrümelte sie noch ein Kräuterbund in den Händen und tat es ebenfalls in die Brühe.

Sie roch wie muffige Pferdepisse.

„Das hätten wir“, murmelte sie. Sie wartete, bis sich der Sud abgekühlt hatte, und goss ihn durch ein feines, leinenes Tuch. „Nun fehlt nur noch Speise oder Trank, in die wir es hineingeben können, damit er das Gebräu auch schluckt.“

„Letzte Woche habe ich ein kleines Fass Bier aus Einbeck bekommen. Wie ich den Viztum einschätze, wird er gewiss nicht widerstehen können. Was ist denn alles in diesem Elixier?“,

wollte Hermann wissen.

„Bilsenkraut, ein wenig von der Eibe, etwas Eisenhut, eine Prise Gefleckter Schierling und von der Tollkirsche ein wenig und auch etwas von den Pilzen des Waldes. Es wird seinen Zweck erfüllen. Niemand wird dich damit in Verbindung bringen, denn erst wenn die Glocke dreimal eine Stunde geschlagen hat, wird Gevatter Tod den Oberamtmann mit sich nehmen. Ach, und bevor ich es vergesse, hier noch ein Gegengift für dich, falls du gezwungen bist, vom Bier zu trinken. Auch hier gilt: Schlägt die Glocke zur dritten Stunde, musst du diese Tinktur genommen haben, sonst wirst du ebenso Gast des Teufels sein.“ Mit diesen Worten reichte Bertha Hermann ein kleines, blaues Fläschchen.

Kurz vor seiner Hausburg bemerkte Hermann von Hanstein einen Reiter hinter sich, der sich in schnellem Ritt näherte. Hermann erkannte in dem Reiter einen Gefolgsmann des Amtmanns von Eichendorf.

„Sprecht! Was ist geschehen?“

„Der Viztum hat meinen Herrn Lippold als Verräter in den Kerker werfen lassen und lässt Euch ausrichten, wenn Ihr die Gefangenen nicht auf der Stelle freilasst, bekommt Ihr Euren Sohn nicht lebend zurück. Ansonsten bleibt alles so, wie er es festgelegt hat.“

Der Hansteiner nickte dem Boten zu. „Richtet dem Viztum aus, so wie er es will, wird es geschehen. Doch ich verlange von ihm, wenn ich ihm das Geld bringe, auch den Amtmann freizulassen, denn er hat nichts mit unserem Streit zu tun.“

„Ich werde es so überbringen.“ Der Bote wendete sein Pferd und ritt zurück zum Rusteberg.

Auf dem Hanstein hatte man die Begegnung vom Turm aus verfolgt und war nun gespannt, was Hermann zu berichten hatte. Doch dieser gab nur den Befehl, die Gefangenen zu holen, sodass sie zum Rusteberg gebracht werden könnten. Hans sollte derweil ein Fass Einbecker Bier holen und den Böttcher kommen lassen.

 

Am folgenden Tag, um die Mittagszeit, sollte der Austausch von Thilo und Lippold gegen die zweihundert Goldgulden stattfinden. Nur hatte Hermann noch nicht die geforderte Summe zusammen. Zweihundert Goldgulden waren ein gewaltiger Batzen und selbst für einen Wohlhabenden wie ihn eine große Summe. Er hatte zwar Boten zu befreundeten Fürsten geschickt, die mit Mainz im Streit lagen, doch ob sie ihm helfen konnten und wenn ja, ob die Boten pünktlich zurück wären, stand in den Sternen.

Geplagt von Ungeduld und Gereiztheit, ging er in dieser Nacht mit seinen Brüdern in die Kapelle der Burg und bat Gott um Hilfe.

„Du kannst nicht den Herrn um Hilfe bitten und gleichzeitig einen hinterhältigen Mord vorbereiten“, unterbrach Christian Hermanns Gebet.

Hermann schaute seinen Bruder ernst an und widersprach: „Oh doch, das kann ich. So im Herzen bedrängt, erglüht in mir nur noch Rache, denn dieser Mainzer Diener ist der Teufel persönlich. Und eines lass dir gesagt sein, Bruder, wir würden uns oft unserer schönsten Taten schämen, wenn die Welt alle Beweggründe sähe, aus denen sie hervorgehen.“

Das war eine Antwort, mit der sich auch Christian zufriedengeben konnte. Dem Teufel ein Schnippchen zu schlagen, war durchaus auch in seinem Sinne.

Und dann geschah in den Morgenstunden etwas, womit niemand auf der Burg Hanstein mehr gerechnet hatte. Die Gebete des Burgherrn schienen erhört worden zu sein. Gerade als die Sonne ihre ersten wärmenden Strahlen über den Rusteberg zum Hanstein schickte, kam einer von Hermanns Leuten, völlig erschöpft und ausgehungert, aus Paderborn zurück und brachte vom dortigen Bischof die gewünschte Summe Goldgulden mit. Hermann hatte viele Jahre im Dienst des Fürstbischofs gestanden und so manche heiße Kastanie für ihn aus dem Feuer geholt. Da tat es gut zu wissen, dass man sich auf seine alten Freunde verlassen konnte.

Mit Erleichterung nahm Hermann die Geldtruhe entgegen.

 

Ohne Zögern brachen Hans und Christian von Hanstein mit ihren Männern auf, um im Steingraben, unterhalb des Rusteberges, in Deckung zu gehen.

Jost, Hermanns Knappe, band die Geldtruhe auf ein stämmiges Pferd, das nach dem Tauschhandel Lippold von Eichendorf tragen sollte.

Hermann von Hanstein verschnürte das präparierte Fässchen Einbecker Bier an seinem Rappen und versteckte es unter einem roten Tuch, sodass es jeden Blick auf sich zog.

Am späten Vormittag war es dann soweit: Hermann und sein Knappe ritten entlang des Steinsbachs bis zur Handelsstraße nach Göttingen, überquerten die Leine und setzten ihren Weg dann über den Wiesenborn in den Steingraben zum Rusteberg fort.

Auf dem Rusteberg war die ganze Burgmannschaft aufgeboten worden. Jede Mauer war von Bewaffneten besetzt.

Hermann und sein Knappe ritten in die Burg ein, wo sie vom Viztum erwartet wurden.

„Was für eine Freude, Euch zu sehen, alter Mann“, sprach er zu Hermann von Hanstein, der sich bemühte, sich nichts anmerken zu lassen.

„Ich habe Euch etwas mitgebracht, Oberamtmann.“ Hanstein zeigte auf die Truhe am Pferd seines Knappen.

„So so, ein Geschenk.“ Der Viztum lächelte höhnisch.

„Dann lasst mich schauen, um was es sich handeln könnte.“

Die Truhe wurde abgebunden und vor den Oberamtmann auf den Boden gestellt, der es kaum abwarten konnte, sie zu öffnen. Gierig stießen seine Hände in den Goldschatz und ließen die Gulden durch die Finger gleiten. „Das fühlt sich gut an, Hansteiner. Wollt Ihr auch mal?“

Hermann verzog keine Miene. „Ihr seht mich gelassen.

Ich kenne dieses Gefühl zur Genüge.“

Die Blicke des Viztums musterten Hermann, dann seinen Knappen und schließlich die Pferde. Plötzlich fragte er: „Was hängt dort an Eurem Gaul, alter Mann?“

„Ein Fässchen Bier, Oberamtmann. Aus Einbeck.“

„Einbecker Bier? Aus dem Norden? Wie heißt es doch so schön?“, meinte der Rusteberger Burgherr mit einem verschmitzten Lächeln. „Wie der Wein nach Süden, so wird das Bier nach Norden immer besser. Und für den Stellvertreter des Erzbischofs ist das Beste gerade gut genug.“ Er strich sich voller Vorfreude auf diesen Trunk über den Bauch und befahl: „Bindet es ab, und stellt es zu meiner Rechten.“

„Das geht nicht. Es ist das Bier des Landgrafen von Hessen, mein Lohn für geleistete Dienste“, rief Hermann von Hanstein empört, sodass jeder es hören konnte.

Der Viztum lachte laut auf, und sein Gesicht verzog sich verächtlich. „Wollt Ihr nun Euren Sohn oder das Bier? Beides werdet Ihr nicht bekommen.“ Und mit noch lauterem Gelächter fügte er hinzu: „Ihr könnt ja beim Landgrafen um neues betteln.“

„Es soll Euch im Halse stecken bleiben“, knurrte der Hansteiner und berichtigte sich sofort unterwürfig, dass auch das jeder hören konnte: „Verzeiht mir, Herr! Wenn es denn sein muss, so soll es Euch von Herzen munden.“

„Von Herzen, ja, so soll es sein!“, rief der Viztum fröhlich. „Und nun, Wachen, bringt mir den Bastard dieses alten Mannes, ich will mit ihm auf seine Freilassung anstoßen, und den verruchten Amtmann von Eichendorf lasst auch frei. Ich habe einen Grund zum Feiern und will heute großmütig sein. Um den Eichendorf kümmern wir uns später, jetzt aber jagt ihn von der Burg.“

Der Viztum ließ sich auf der Geldtruhe nieder, zapfte das Fass an und ließ das Bier in einen Becher laufen. Den ersten Becher reichte er Thilo, dem Jungen.

„Nun, Hanstein, leere den Becher bis auf den Grund! Trinke auf mein Wohl und freue dich deines Lebens – und eines Vaters, der seinen Stolz bezwungen hat und als demütig Bittender gekommen ist.“ Er hielt Thilo einladend das Getränk hin.

Bevor der Junge den Becher ergreifen konnte, war Hermann bereits hinzu gesprungen und wollte dem Oberamtmann seinen Sohn entreißen, doch in Windeseile hatte der Viztum ein Messer gezogen und hielt es an die Kehle des Knaben. „Bleibt, wo Ihr seid, alter Mann, oder Ihr habt einen Sohn gehabt.“

Hermann blieb abrupt stehen und wagte nicht, sich weiter zu nähern.

„Nun trink schon, Junge, ich muss doch sehen, ob dein Vater nicht Gift in das Fass gefüllt hat, um mich zum Teufel zu schicken.“

„Lasst mich trinken, es ist mein Bier“, fiel Hermann ihm ins Wort.

„Das könnte Euch so passen“, schrie der Viztum. „Trink, Junge, oder ich töte dich!“

Hermann schaute seinem Sohn fest in die Augen und sagte, so ruhig es ihm möglich war: „Trink nur, Thilo, es wird dir nicht schmecken, aber es ist gutes Bier aus Einbeck.“ Thilo nahm den Becher, führte ihn zum Mund und leerte ihn in einem Zug.

„Nun lasst mich zu meinem Vater gehen! Ich habe Euch den Gefallen getan und dieses Gesöff getrunken“, fuhr Thilo den Viztum an, als er den Becher absetzte.

„Schon wieder ein großes Maul, Bürschlein. Nein, das ist zu früh, erst muss dein ungehorsamer Vater mir noch den Treueeid leisten, den er mir bis jetzt verweigert hat. Ohne ihn ist er mein Feind, und Feinde darf man nicht ungeschoren davonkommen lassen.“

„Das war nicht abgemacht“, rief Hermann wütend.

„Abgemacht?“, brüllte der Viztum. „Hier bestimme ich, was abgemacht ist und was nicht. Du leistest jetzt und hier den Treueeid auf mich, oder das Geschlecht der Hansteiner stirbt am heutigen Tag aus. Hast du mich verstanden, alter Mann?“

Zum ersten Mal in seinem Leben bekam Hermann weiche Knie. Er konnte das Leben seines Sohnes nicht länger gefährden, den Treueeid wollte er aber um keinen Preis leisten.

Nur was sollte er tun?

Dem Viztum wurde die Zeit zu lang, er begann, das Messer fester gegen den Hals des Jungen zu drücken. Die Klinge drang ganz langsam in die Haut des Knaben. Thilos Augen schauten flehend zu seinem Vater, doch kein Laut kam über seine Lippen. Hermann wurde übel, als er die ersten Blutstropfen auf der Messerklinge sah. Alles taktische Kalkül war vergessen, er fiel vor dem Viztum auf die Knie und flehte ihn an: „Haltet ein, Ihr habt mich bezwungen.“

„Dann last mich hören, was Ihr zu sagen habt, Hermann von Hanstein. Zeugen haben wir genug.“

Hermann wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn, schaute den Viztum an und hob an mit fester Stimme: „Eure Feinde sind meine Feinde, Eure Freunde sind meine Freunde. Ich will Euch allzeit treu zugetan und gegenwärtig sein, wenn Ihr mich braucht. Solange Ihr lebt.”

„So erhebt Euch, Hermann von Hanstein, zieht mit Eurem Sohn nach Hause. Ich werde Eure Dienste bald einfordern, aber nun geht mir aus den Augen, ich habe Durst.“

Hermann erhob sich mit Beinen, die schwer waren wie Blei, nahm Thilo in den Arm und verließ mit den Seinen den Rusteberg.

„Das war ein Geschäft“, sagte der Viztum zufrieden zu sich‚ „zweihundert Goldgulden ohne viel Arbeit, den Treueeid und dann noch dieser gute Tropfen.“

Er füllte den Becher, trank und trank die halbe Nacht, bis kein Tropfen mehr aus dem Fass in den leeren Becher tropfte.

Auf dem Weg zur Burg Hanstein hielt Hermann seinen Tross an und befahl seinen Leuten: „Thilo und ich brauchen eine Pause. Reitet ihr zum Hanstein und bereitet alles für unsere Ankunft vor. Wir werden euch bald folgen.“

Als Hermann mit seinem Sohn allein war, zog er das blaue Fläschchen von Bertha aus der Tasche und reichte es seinem Sohn. Es war allerhöchste Zeit, die Glocke der Turmuhr hatte bereits dreimal geschlagen. „Trink! Rasch!“

„Was ist das?“

„Ein Stärkungsmittel, gut für einen jungen Mann wie dich, der sich durch Mut und Tapferkeit hervorgehoben hat.“

Thilo nahm die Flasche, öffnete den Verschluss und roch vorsichtig daran. „Das riecht aber nicht gut, Vater.“

„Nein, und schmeckt auch nicht, du musst es trotzdem trinken. Ich verlange es von dir.“

Thilo setzte die Flasche an und begann zu trinken, aber schon nach den ersten Schlucken fing er an zu husten, und ein Großteil des Elixiers ergoss sich über seine Kleidung.

„Wie viel hast du trinken können?“, fragte Hermann besorgt. „Zwei, drei Schluck.“

Hermann füllte etwas Wasser in die Flasche, schüttelte sie durch und reichte sie seinem Sohn. „Trink den Rest und dann komm, lass uns weiterreiten.“

Hermann von Hanstein ließ sich seine Sorge um seinen Sohn nicht anmerken. Würde das Gegengift ausreichen, um ihn zu retten? Er hatte nur einen Becher Bier getrunken, aber Berthas Elixier schien ihm zu stark für einen so schmächtigen Körper, wie Thilo ihn besaß. Um zu Bertha zu reiten, war die Zeit zu knapp, er musste nun auf den Herrn vertrauen. Seine Racheplanung war ihm aus dem Ruder gelaufen, doch am meisten grämte ihn, dass er doch noch den Treueeid hatte leisten müssen, auch wenn er den Eid mit den Worten ‚Solange Ihr lebt‘ geschlossen hatte. Und das konnte nach Berthas Worten nicht mehr allzu lange dauern.

 

In den frühen Morgenstunden des folgenden Tages wachte der Viztum, Ernst von Bärenstein, auf, weil ihm etwas seltsam vorkam. Es war eine Siegesfeier gewesen, die es in sich hatte. Viel zu viel Bier hatte er getrunken. Der Kopf dröhnte, und der Rücken schmerzte von dem harten Lager auf der Geldtruhe, und plötzlich stellte er fest, dass er nichts hörte. Keinen Laut, kein Vogel sang an diesem verheißungsvollen Morgen sein Lied. Kein Hund ließ sein Kläffen über den Burghof erschallen. Keine Blätter rauschten am Baum im Wind, der wie immer wie ein Landstreicher um die Burg zog. Tausendfach strich er doch sonst mit sanfter Hand über die Blätter und erzeugte ein gleichmäßiges Rauschen. Und nun?

Es war ihm übel, sein Bauch schmerzte, als hätte er ein Nadelkissen verschluckt. Die Luft zum Atmen wurde immer knapper. Er konnte sie zwar in tiefen Zügen einatmen, nur schien es ihm, als käme sie nicht in der Lunge an.

Der Todgeweihte quälte sich von der Geldtruhe, auf der er seine letzte Nacht verbracht hatte, und landete auf allen Vieren. Der Boden schwankte unter ihm. Es kam ihm vor, als tanzten die Dielen aus Lärchenholz. Sollte gar die Erde beben?

Raus ins Freie, schoss es ihm durch den Kopf, doch seine Beine waren schwer wie Blei und wollten seinen Befehlen nicht gehorchen. Mit all seiner Kraft schaffte er es in den Burghof. Alles schwankte und zitterte. Es dauerte eine Weile, bis er die kurze Strecke zu der alten Eiche vor der Burgmauer zurückgelegt hatte. Er ließ sich in das grüne, kühle Gras fallen, streckte sich aus und verharrte in dieser Stellung.

Die alte Borke des Baums, die seinen eingeschnitzten Namenszug trug, war ihm vertraut. Er entspannte sich. Alles wurde ruhig, nichts bebte mehr, kein Zweig wiegte sich, und das Gras sah aus wie gemalt. Über ihm in den Zweigen saß ein schwarzer Vogel und starrte ihn an. Wie ihm schien, ein wenig erstaunt, verwundert.

Langsam. Ganz langsam wurde ihm klar, dass nicht um ihn herum, sondern in ihm etwas vorging. Etwas, das er sich nicht erklären konnte, das ihm völlig fremd war. Eine Kälte, unheimlich in ihrer Dimension, stieg von den Füßen langsam die Beine hinauf. Und alles, was einst pulsierte, schien ihm nun zu Stein zu werden.

Da begriff er: Seine Lebensuhr war abgelaufen.

Nun würde doch noch dieser verschlagene Ritter von Hanstein obsiegen. Über ihn, den mächtigen Viztum, Herr des Eichsfelds.

Die Gedanken purzelten durcheinander. Da hatte er immer geglaubt, sieben Leben zu haben wie eine Katze. Doch nun hatte er alle seine sieben Leben auf einen Schlag vertan.

Die Ruhe kehrte zurück.

Es ängstigte ihn nicht.

Er war froh, dass ihn niemand sterben sah.

Ganz weit öffnete er seine Augen, um dem Spiel der Blätter dieser mächtigen Eiche, dem Sinnbild eines langen Lebens, ein letztes Mal zuzuschauen.

Ein Wachposten, der schon seit vielen Jahren den Dienst am Tor verrichtete, eilte herbei, als er des Viztums gewahr wurde, und bemerkte die trüben Augen seines Herrn. Sein Dienstherr hatte sein Leben ausgehaucht, seine gepeinigte Seele befand sich bereits nicht mehr auf dieser Erde.

„Alter Suffkopf“, murmelte der Wachmann und trottete ohne Eile zurück zum Torhaus, schaute auf halbem Weg noch einmal zurück und schüttelte den Kopf. „Das hat er nun davon. Hochmut kommt vor dem Fall. Seine Gier wird ihn ins Grab gebracht haben. Vielleicht werden die Zeiten wieder ruhiger.“

 

Zehn Tage nach dem Tod des Viztums stand der Amtmann Lippold von Eichendorf in Begleitung seines neuen Knappen Thilo vor Graf Johann von Bärenstein, um Bericht zu erstatten. Der Graf wollte wissen, was sich im Eichsfeld zugetragen hatte. Eichendorf war ein angesehener Ritter, und als Amtmann schilderte er die Begebenheiten, die zum Tod des Oberamtmannes geführt hatten.

„Euer Sohn war ein schwacher Hirte seiner Herde. Er trank, er hurte herum, er vernachlässigte seine geistlichen Aufgaben, aber das Schlimmste war die Entführung des jungen Hansteiners, um dessen Vater zum Treueeid zu zwingen. Euer Sohn verstieß gegen die Gebote des Herrn, bis der Gevatter Tod ihn holte. Verzeiht mir meine harschen Worte, Herr Graf, hättet Ihr mich nicht gebeten, ich hätte meinen Mund geschlossen gehalten. Ein Trost bleibt, auch wenn er schwach ist, vor dem Herrn sind wir Sünder alle gleich.“

Graf Johann von Bärenstein vergrub sein Gesicht in den Händen und schwieg.