Autor*innen stellen ihre Werke vor

Aus dem Buch „NA SOWAS Geschichte und Geschichten aus dem Krankenhaus“ Chefvisite – von Günter Liebergesell

 

Günter Liebergesell

Jahrgang 1956

Von Beruf Krankenpfleger nun Rentner, schreibt seit 15 Jahren Bücher über Geschichte, Reiseberichte, Kinderbücher

E-Mail: g.liebergesell@eb.de

Günter Liebergesell

Aus dem Buch „NA SOWAS Geschichte und Geschichten aus dem Krankenhaus“

Chefvisite

Eine große weiße Wolke, wie ein Schneesturm, wälzt sich den langen Flur der Station entlang.

Chefvisite!

Nicht ein Fall, nicht ein Patient, sondern die Visite soll präsentiert werden, die bei Anwesenheit des Chefarztes, immer die Chefvisite ist. Für diese wurde eine eigene Choreografie geschrieben. Sie ist ein Ritual, das es in vielen Krankenhäusern gibt.

An der Spitze der Wolke befindet sich der Chefarzt, gefolgt von seinen drei Oberärzten, ihnen an die Fersen geheftet die Assistenten, an deren flatternden Kitteln die PJ’ler (Medizinstudentin im Praktischen Jahr) und Praktikanten kleben und das Schlusslicht bilden die Physiotherapeuten und die Stationsschwester mit dem Wichtigstem, dem Visitenbuch.

Mit 18 Personen, für die meisten Zimmer viel zu viel, stehen sie, wie die Heringe gedrängt, um die Betten und lauschen den ausführenden Worten des Stationsarztes und den anweisenden Kommentaren ihres Chefarztes.

Nein, nicht alle! Einige knabbern verlegen an den Fingernägeln oder spielen mit den Knöpfen an ihrem weißen Kittel. Nach der Hälfte der Zimmer sind sie nicht mehr aufnahmebereit für medizinische Fragestellungen. Von ganz hinten, also von den billigen Plätzen, hat man sowieso keinen Blick auf den Patienten und die Worte der visitierenden Kollegen verschallen, wie das Platzen einer Seifenblase im Krankenhausuniversum.

Ein Marathon, so eine Chefvisite, für Körper, Geist und Seele. 43 Zimmer mit insgesamt 113 Patienten, die auch fast immer in den Betten liegen. Leerstand ist nicht erlaubt und nicht gut für ein modernes Krankenhaus, auch wenn es die Schwestern ab und zu begrüßen würden. Es ist mittlerweile ein Wirtschaftsunternehmen geworden und wird nach betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten und nicht mehr nach medizinischen geleitet.

Zwei Stationen sind schon visitiert und die weiße Wolke befindet sich auf direktem Weg zur oberen Etage. Die Frage, die sich nun stellt: Treppe oder Fahrstuhl? Eigentlich nicht. Der Lift ist der absolute Spitzenreiter, denn die Füße sind müde bei den meisten der in Weiß gekleideten Personen.

Knopf drücken, der Fahrstuhl kommt, Fahrstuhltür auf, der Chef betritt immer als Erster das Vehikel, alle folgen ihm, drücken, drängeln, schieben, enger, noch enger, alle drin. Gott sei Dank. Niemand muss die Treppe laufen.

An der Fahrstuhlwand hängt ein Schild, weiß mit großen, schwarzen Buchstaben das niemand bemerkt. Wie sollten sie auch, eben alles schwarz-weiß. Das kann keiner bemerken. Stehen ja doch nur technische Daten drauf. Die muss man als Mediziner nicht wissen.

Bewegen kann sich niemand. Wie die Heringe stehen sie auch hier und beginnen zu schwitzen. Einer der Oberärzte drückt auf den Knopf für die 3. Etage. Der Fahrstuhl fährt an. Rumpel, … rumpel, … Krach. Er schwankt und steht still.

Zwei, drei leise Angstschreie sind zu hören: „Oh“, „Ah“, „Was jetzt?“

Große Augen lassen ihre ängstlichen Blicke in dem ausgefüllten Raum umherschweifen.

Schweißtropfen rinnen von Haarscheiteln und lassen sich von Kittelkragen aufsaugen.

Das Antitranspirant bei vielen versagt schlagartig. Unbehagen breitet sich aus. Die Luft wird dünn, warm und feucht.

Die ersten Blicke fallen auf das Schild.

„Verdammter Mist!“, ruft eine Stimme aus der weißen Wolke, „für 8 Personen zugelassen. Wieviel sind wir hier?“ Pause. „Durchzählen, aber schnell.“

„Eins“, (es ist nicht die Stimme des Chefarztes) „zwei, drei vier … siebzehn, achtzehn, durch.“

„Wenn ich mal was bemerken dürfte.“

„Halt die Klappe.“

Oh, was für ein Ton. Gereizt, ängstlich und wütend, über so viel Ignoranz? Einer nimmt den Hörer vom Nottelefon ab und ruft die Zentrale an.

„Wir stecken fest, holen Sie bitte einen der Handwerker, wir bekommen kaum noch Luft in diesem Kasten.“

„Geht nicht, sind alle auf einer Fortbildung ‚Der sichere Fahrstuhl‘, hab aber schon den Alarm für die Feuerwehr ausgelöst, die müssen gleich kommen.“

„Was, Feuerwehr? Oh nein.“

„Doch, doch, ist besser.“

„Oh nein.“

Da, man hört sie schon. Mit vollem Signal und Blaulicht sind die Kameraden durch die ganze Stadt zum Zielort Krankenhaus aufgebrochen. Nun bemerkt es jeder. Der Buschfunk ist schon in vollem Gang und morgen lachen sich die Bürger in den Straßen oder hinter ihren Haustüren halbtot über so viel Dummheit.

„Alles in Ordnung da unten? Ich bin der Einsatzleiter, wir holen sie jetzt mit der Winde rauf. Wieviel sind sie eigentlich?“

Ganz leise: „Achtzehn“.

„Wie viel?“

„Achtzehn! Mein Gott.“

„Wenn Gott da gewesen wäre, hätte er nicht so viel in den Fahrstuhl gehen lassen“, war die Antwort aus dem Käfig.

„Ne, ne …“, rief der Einsatzleiter zurück, „der wollte auch mal was zu lachen haben.“

Der Fahrstuhl ruckte ein wenig, noch einmal, dann bewegte er sich ganz langsam bis zur vorgesehenen Etage und hielt mit einem kräftigen Ruck an.

Die Tür öffnete sich.

„So, nun alle einzeln rauskommen, damit wir nachzählen können.“

Was für eine Blamage. Die Feuerwehrleute standen Spalier und freuten sich wie die Jäger auf ihre Beute. Der Einsatzleiter zählte die aus Scham mit hängenden Köpfen den Fahrstuhl verlassenden Weißkittel. „Eins, zwei, drei … achtzehn, hallo Herr Chefarzt, alles in Ordnung.“

Kein Blick, keine Antwort.

Die weiße Wolke verdünnte sich so, als wenn die Sonne Schäfchenwolken vom Sommerhimmel zutschelt.

Es wird sicher Überlegungen geben, das Visitensystem zu ändern.