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Kristina Vaillant aus Berlin stellte ihr Buch „Die verratenen Mütter“ vor

 

Heiligenstadt. Ein Beispiel aus dem Alltag: Nicht erfunden, sondern von Kristina Vaillant recherchiert: Ein Arbeitgeber hat die Wahl zwischen zwei Bewerbern mit gleich gutem Studienabschluss: Der Ingenieur ist selbstverständlich bereit, mindestens 40 Stunden pro Woche und noch viel mehr im Dienste der Firma zu leisten. Die Ingenieurin befindet sich auf der Suche nach einem anspruchsvollen, ihrer Qualifikation  entsprechenden Arbeitsplatz mit 30 Wochenstunden. Sie ist Mutter. Muss nun noch gefragt werden, für wen sich der Arbeitsgeber entschieden hat?

Begrüßt von Karola Klingebiel stellte Kristina Vaillant, Jahrgang 1964, Journalistin aus Berlin, am 24. November 2016 in der Frauenbildungs- und Begegnungsstätte

ko-ra-le ihr Buch vor „Die verratenen Mütter – Wie die Rentenpolitik Frauen in die Armut treibt“. Karola Klingebiel hieß ebenfalls Ursula Nirsberger, willkommen, Referentin der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen in Erfurt, war doch dieser Abend in Zusammenarbeit mit der Landeszentrale zustande gekommen. Die Autorin recherchierte deutschlandweit, beleuchtete die historische Entwicklung, angefangen bei der Einführung der Rentenversicherung. Unter Führung Otto von Bismarcks hatte der Reichstag 1889 ein entsprechendes Gesetz verabschiedet. Sie verglich aktuell mit anderen westeuropäischen Ländern, in denen die Rentenberechnung die Lebensleistung von Frauen würdigt. In Deutschland vergrößere die Rentenpolitik die Geschlechterunterschiede. Von den sieben Millionen Frauen aus den geburtenstarken Jahrgängen, die in den nächsten Jahren in Rente gehen, werden zwei Drittel höchstens  600 Euro erhalten und sind auf Sozialleistungen angewiesen – trotz guter Ausbildung und Berufstätigkeit. Für die Autorin ein Fehler, der im System liege; „ein Skandal“.

Die Realität in Deutschland: Weiblich, mindestens ebenso gut ausgebildet und hochmotiviert.  Unterbrechen der Berufstätigkeit wegen Betreuung der Kinder, Pflege alter, kranker Angehöriger. Deshalb oftmals notgedrungen, obwohl deutlich überqualifiziert, Ausüben eines schlecht bezahlten Minijobs, häufig im Dienstleistungssektor, oder das „Durchhangeln“ von einer befristeten Stelle zur nächsten. Männlich, 45 Arbeitsjahre in der Industrie bei ständiger Vollbeschäftigung. Einbrüche in der beruflichen Biografie wegen Arbeitslosigkeit möglich. Wer hat wohl mehr Angst vor Altersarmut, vor dem Gang zum Sozialamt, weil die Rente „vorn und hinten“ nicht reicht, mitunter noch nicht einmal die Tasse Kaffee außer Haus gestattet?

Das Thema forderte zur Diskussion heraus. Als diese allzu heftig wurde, unterstrich Kristina Vaillant: Als Journalistin habe sie objektiv und unabhängig recherchiert. Einige der an sie gerichteten Fragen könne sie gar nicht beantworten, das könnten nur die hierfür zuständigen Politiker. Die Besucherinnen und Besucher nahmen die Erkenntnis mit auf den Heimweg, dass Bücher allein das bestehende Dilemma nicht ändern. Doch es ist extrem wichtig, Fakten zu kennen, als Wähler und Bürger Abgeordnete in die Pflicht zu nehmen, Rede und Antwort zu fordern, sich nichts schönreden zu lassen. Unsere Zivilgesellschaft müsse auch angesichts dieses Tabu-Themas wieder  politischer werden.

 

Christine Bose