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Lila Schokolade Mein Erlebnis am Heiligenstädter Bahnhof – von Christine Bose

Christine Bose,Dipl. Journalistin

Mit einer dicken, schweren Reisetasche kommt er auf mich zu – ein Kerl wie ein Schrank. So werden im Film Möbelpacker, Bodyguards, Security-Leute,  Rausschmeißer dargestellt. Kommt auf mich zu, grüßt und fragt nach 2 Euro, dieser ausländische Typ auf dem Bahnhof unserer Stadt. Ganz schön dreist. Warum stehe ich ausgerechnet in diesem Augenblick hier völlig allein? Jetzt, wenn der mich anpumpen will. Auch wenn es nur 2 Euro sind, so leicht trenne ich mich nicht von meinem Geld. Da könnte ja jeder kommen! Ich stelle mich doch schließlich auch nicht, sagen wir mal, auf den Marktplatz und versuche, fremden Leuten ihr Geld aus der Tasche zu ziehen. Ich könnte „Nein“ sagen, aber gegen diesen Riesen habe ich nicht die geringste Chance. Wer weiß, wie der dann reagiert. Kommt denn niemand? Wo bleiben die Leute? Meinen Besuch will ich abholen, aber noch ist die Ankunftszeit des Zuges nicht erreicht. Quatsch, sei kein Angsthase, rede ich mir im Stillen gut zu. Es ist hell, die Sonne scheint. Ich stehe hier nicht in dunkler Nacht an einem Ort, den ich laut Kriminalstatistik besser meiden sollte. Und mein Mann behauptet zu Recht, mich würden alle Nachbarn hören, wenn ich mal so richtig wutgeladen losschreie.

 

Der fremde Reisende muss mir wohl angesehen haben, dass mir die Sache nicht geheuer ist; streckt die Hand nach mir aus –  nein, er streckt sie mir entgegen, hält darin drei, vier Tafeln Schokolade von der Marke, die immer lila verpackt ist. Eine Sorte kenne ich doch tatsächlich noch nicht – und das will was heißen. Da werde ich schwach. Hält sie mir hin und erklärt in recht gut verständlichem Deutsch: Heute noch muss er nach Halle, unbedingt diesen Zug erreichen. Am Fahrkartenautomaten ist er gewesen, der hat ihm einen Preis angezeigt, den er nicht bezahlen kann. Als er seine Geldbörse öffnete, hat er nämlich festgestellt: Am Fahrpreis fehlen 2 Euro. Ehrlich will er bleiben, nicht ohne Fahrkarte einsteigen. Deshalb der angestrebte Tausch: Ich schenke ihm 2 Euro, er schenkt mir die Schokoladentafeln. Überredet: Geld und Süßes wechseln den Besitzer. Der Mann läuft zurück zum Automaten, kommt mit dem Ticket wieder auf den Bahnsteig. Leute nähern sich, der Zug ebenfalls. Gute Fahrt ihm, nach Halle. Und da ist auch schon mein Besuch. Ein wenig verwundert darüber, dass ich nicht in gewohnter Plaudertaschenmanier ohne Punkt und Komma drauflos plappere, sondern erst einmal nachdenklich schweige.

 

Christine Bose