Autor*innen stellen ihre Werke vor

Ein Abend mit Freunden- von Christine Bose

Christine Bose,Dipl. Journalistin

Ein Abend mit Freunden

Mal wieder miteinander reden, nicht nur schnell am Telefon nachfragen, wie es geht oder per e-mail einen kurzen Gruß schicken. Sich an einem Abend treffen so wie früher, gemeinsam an einem Tisch sitzen, über Gott und die Welt plaudern. Freunde haben eingeladen; die Runde gab es schon vor Jahren. Einige der Frauen und Männer sind bereits mehrfache Großeltern. Sie alle haben ihr Leben fest im Griff. Und: Sie alle haben jetzt Feierabend. Getränke stehen bereit und Häppchen zur Stärkung. Ich habe mich auf den Abend, auf die Gespräche, auf das vertraute Miteinander gefreut.  Mein erster Versuch einer Unterhaltung wird im Keim erstickt. Es soll nicht mein letzter Versuch dieser Art gewesen sein. Denn während ich mich abmühe, einen vollständigen Satz auszusprechen, auf den ich eventuell eine Antwort erhalten könnte, nehme ich teil an weltbewegenden Ereignissen, allesamt angekündigt durch akustische Signale kleiner Geräte namens Smartphone, von ihren stolzen Besitzern vor sich auf dem Tisch platziert. Fast käme es einer Sünde gleich, nicht sofort und auf der Stelle darauf zu reagieren. Ein Freund des Gastgebers meldet sich aus dem europäischen Ausland, wo ihm gleich zu Urlaubsbeginn Böses widerfahren ist. Sein Auto wurde geklaut, vom Hotelparkplatz weg und außerdem regnet es in Strömen. Sofort muss dem Ärmsten Trost zugesprochen oder besser zugeschrieben werden. Das duldet keinesfalls Aufschub. Und bei dieser Gelegenheit ist es für unseren Gastgeber sicher gut und richtig, vorsichtshalber gleich die Sieben-Tage-Urlaubswetter-Vorschau für die Region abzurufen, in die er demnächst reisen möchte. Das hat nicht Zeit bis morgen, er muss es gleich wissen. Na, wenn nun schon einer am Tisch zum Handy gegriffen hat, können andere das ebenfalls. Eine Dame wundert sich, warum ihr vier neue Nachrichten angezeigt werden, die sich, sämtlichen Bemühungen zum Trotz, einfach nicht abrufen lassen. Gestern ging’s doch noch. Einen Herrn drängt es, wenn sich sowieso gerade niemand unterhält, unbedingt nachzuschauen, ob sein Cartoon der Woche schon eingetroffen ist – ein kostenloser Service, immer donnerstags, den er bestellt hat. Einem weiteren Gast wird sein aktueller Punktestand im Supermarkt vermeldet – und weil er alles andere als egoistisch ist, gibt er sofort sein neu erworbenes Wissen weiter. Andere sollen auch etwas davon haben. Freunde helfen einander. Am Ende der Woche erhalten die Kunden den zwanzigfachen Punktewert für alle Fleisch- und Wursterzeugnisse. Inzwischen hat sich der regennasse, autolose Auslandsurlauber erneut gemeldet. Entwarnung, alles wird gut, ein Irrtum liegt vor, eine Verwechslung. Sein Gefährt wurde nicht geklaut, sondern versehentlich abgeschleppt. Er und sein geliebtes Fortbewegungsmittel waren gar nicht gemeint. Nun bekommt er es bald wieder. Grund genug, ihm sofort schriftliche Glückwünsche zuzujubeln. Ha ha ha, ist das lustig! Man könnte sich ausschütten vor Lachen: Eine Frau sitzt im Auto und fährt nach… Wohin ist doch egal. Ist schließlich nur ein Witz, aber so komisch, dass der Empfänger dieser Mitteilung es sofort allen am Tisch vermelden muss, ob sie sich nun dafür interessieren oder nicht. Mitten hinein in das Gelächter platzt die Meldung einer Kollegin eines in der Runde Anwesenden. So sieht es zurzeit in ihrem Dorf aus. Da gab es heute Abend ein Unwetter und sie schickt ein Foto der auf der Straße liegenden riesengroßen Hagelkörner. Das Bild wird reihum gezeigt, damit es nur ja niemand verpasst, es sich anzusehen und gebührend zu kommentieren. Vergebliche Liebesmüh, sich vor dem Anschauen drücken zu wollen. Da hat ein anderer die glorreiche Idee, jetzt gleich mittels des kleinen Gerätes die Fernsehnachrichten abzurufen, da es wohl kaum vorstellbar ist, dass es nur in einem einzigen Dorf Deutschlands so gehagelt hat. Aha, einige andere Regionen sind ebenso betroffen. Ein Glück, wir nicht. Nun folgt das Kapitel Bildung. Gemeldet wird der Empfängerin, welchen E-Book-Titel sie ab heute für günstige 2,99 Euro herunterladen kann. Eine Liste aktueller Buchangebote folgt. Wäre doch eigennützig, erst zu Hause oder hier am Tisch still und leise zur Kenntnis zu nehmen, was man gelesen haben muss. Alle sollen es erfahren, um mitreden zu können. Mein schüchterner Einwand, der da lautet, ich bin konservativ, ich brauche Bücher zum Anfassen, ich muss ein Buch in die Hand nehmen können, um das Papier zu spüren, um selbst umzublättern, wird sogleich im Keim erstickt. Falls ich das noch nicht wissen sollte: Selbstverständlich verfügt so ein elektronisches Lesegerät über die Funktion des Seitenumblätterns. Aha, ich werde wahrgenommen.  Ein letzter Versuch meinerseits folgt, etwas in Gang zu bringen, in grauer Vorzeit Gespräch genannt. Ich erwähne ein Lied, das mir schon in der Jugend gut gefallen hat, hoffe, andere kennen es auch und höre: Ja, zu diesem Thema sind uns mehrere Titel bekannt, von verschiedenen Sängerinnen und Sängern. Aber gleich werden wir es ganz genau wissen, denn es gibt nichts, was Google nicht weiß und es gibt nichts, was man bei You Tube nicht sehen und nicht hören kann. Dazu zählt das Lied. Wollen mal schauen, mal hören. Da ist es schon. Irgendwann ist dieser Abend zu Ende. Ich habe viel erfahren über Ereignisse und Dinge, die mir schlicht egal sind. Ich weiß nichts Neues über die Menschen, die ich mir vor Jahren als Freunde ausgesucht hatte, weil wir damals so gute Gespräche miteinander führen konnten.

Christine Bose