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Schüler absolvieren interkulturelles Training

„Interkulturelles“ hatte die Klasse 10c des Lindemann-Gymnasium am Montag und Dienstag in der Theaterwerkstatt der Frauenbildungs- und Begegnungsstätte der „ko-ra-le“ in der Hospitalstraße. Das neue Projekt der „ko-ra-le“ wird vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Programms „Demokratie Leben“ gefördert. Geleitet wird der Workshop, für den schon weitere Schulklassen angemeldet sind, von Sarah Klingebiel (26) Trainerin für interkulturelle Kommunikation und Kompetenz. In diesem Fach macht sie derzeit den Masterabschluss an der technischen Universität Chemnitz.

Mau-Mau gespielt nach verschiedenen Regeln
Am Anfang standen am Montag Übungen und Spiele, mit denen unterschiedliche kulturelle Prägungen, Regeln und Verhaltensweisen simuliert wurden, die wir meist unbewusst erwerben. So spielten die 25 Jugendlichen zum Beispiel in getrennten Gruppen Mau-Mau, wobei sie nicht sprechen durften und zwischen den Spielrunden jeweils ein Spieler die Gruppe wechselte. Dieser kam sozusagen „in eine andere Kultur“. Der Fremde musste ohne Worte die Spielregeln verstehen, konnte also nicht sprachlich mit diesen vertraut gemacht werden. Allerdings waren Zeichen und Gesten erlaubt. Unterschiedlich konnte sogar die Regel sein, wie der Sieg definiert ist.
Hier ging es, wie Sara Klingebiel erklärte, vor allem um einen Perspektivwechsel: „Wie ist das für mich, wenn ich in eine andere Gruppe komme, in eine andere Kultur“?
Wichtig war die anschließende Auswertung wobei die Schüler feststellten, dass der Fremde die Regeln erst einmal verstehen musste, und zwar ohne sprachliche Verständigung, bevor er sie akzeptieren konnte. Es wäre aber auch möglich gewesen, dass die Gruppe ihre Regeln etwas geändert hat – oder es einigen nicht mehr ums Gewinnen gegangen wäre.
Die 25 Gymnasiasten setzten sich auch mit Vorurteilen, Stereotypen und Diskriminierung von Minderheiten auseinander.
Gestern ging es um das große Thema Toleranz; was bedeutet etwa in Bezug auf Sprache, Aussehen, Kleidung, Religion, Weltanschauung oder auch Sexualität, wo jeder seine Grenzen der Toleranz sieht; und wie jeder Toleranz in seinem konkreten Alltag leben kann, etwa in Familie und Schule. Und die Gesprächsgruppen stimmten darin überein, dass sie rechtsextreme Anschauungen, Gewalt, permanente Beleidigung und Mobbing, Ungerechtigkeit und Unwahrheit nicht tolerieren.

Grenzen von Toleranz stehen für Werte
„Wenn du an deine Toleranzgrenzen stößt, kommst du an deine Werte“, erklärte Sara Klingebiel. Und die Werte seien in Europa christlich geprägt. Aber auch innerhalb einer Kultur gebe es viele Unterschiede und seien viele „Regeln“ nicht festgeschrieben. Im TLZ-Gespräch wies sie auch darauf hin, dass es ihr um die Kommunikation zwischen Menschen aus verschiedenen Kulturen und nicht aus verschiedenen Nationen gehe. Nationen seien geschichtlich erst spät entstanden. „Der Mensch war schon immer mobil“, betonte sie, dass kultureller Austausch nichts Neues sei.
Zur Klasse 10c gehören auch die Brüder Mahmoud und Abdulrahman Azakir, die vor einem Jahr aus Syrien nach Heiligenstadt gekommen sind. Sie gehen beide in die zehnte Klasse, trotz einem Jahr Altersunterschied. Sie können schon so gut Deutsch, dass sie normal am Unterricht teilnehmen können. Sie sind Muslime und fühlen sich von den Mitschülern akzeptiert. In der Auswertung der Gruppenarbeit darüber, wie Toleranz konkret gelebt werden kann, gab es gestern auch ein Beispiel für verschiedene kulturelle Prägung. Abdulrahman und Mahumoud meinten nämlich, wenn sich ein Mitmensch ihnen gegenüber falsch verhalte, gehe es ihnen nicht darum, dieses zu tolerieren, sondern zu vergeben.
In der Beschreibung des „Interkulturellen Trainings“ für die Klassenstufen 7 bis 12 heißt es, dass „interkulturelle Kompetenz“ in der globalisierten Welt eine Grundvoraussetzung im Umgang miteinander sei – und weiter: „Die Begegnung zwischen Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen und Wertvorstellungen ist alltäglich geworden und erfordert in vielerlei Hinsicht einen sensibilisierten Umgang“.

Mit freundlicher Genehmigung der TLZ
Jürgen Backhaus